SEC vs CFTC: Wie der Jurisdiktionsstreit um Kryptowährungen die US-Regulierung prägt
Was passiert, wenn zwei Bundesbehörden sich über dieselben digitalen Assets streiten? In den USA kämpfen die SEC (Securities and Exchange Commission) und der CFTC (Commodity Futures Trading Commission) seit Jahren um die Kontrolle über Kryptowährungen. Keine der beiden hat klare Gesetze - stattdessen ziehen sie ihre Macht aus alten Gesetzen aus den 1930er und 1970er Jahren. Das Ergebnis? Eine Regulierungslandschaft, die für Unternehmen und Investoren verwirrend, teuer und manchmal absurd ist.
Woher kommt der Streit?
Alles begann 2015, als der CFTC erklärte: Bitcoin ist eine Ware. Das klingt einfach, aber es war ein Meilenstein. Der CFTC hat seit 1974 die Aufsicht über Warenmärkte - also Dinge wie Mais, Öl oder Gold. Wenn etwas als Ware gilt, fällt es unter seine Zuständigkeit. Ein Jahr später bestätigte ein Gericht diese Sicht: Bitcoin und andere Kryptowährungen sind Commodities, also Waren. Das war der erste Schritt.
Doch die SEC sah das anders. Sie nutzte einen 78 Jahre alten Test aus dem Fall SEC v. W.J. Howey Co. - den Howey-Test. Der besagt: Wenn du Geld in ein Projekt steckst, in der Erwartung, dass andere es für dich erfolgreich machen, dann ist das ein Wertpapier. Und Wertpapiere? Die fallen unter die SEC. Das bedeutet: Ein Token, der als Investition verkauft wird, ist für die SEC eine Aktie - egal ob er auf einer Blockchain läuft oder nicht.
Das führt zu einem grundlegenden Konflikt: Bitcoin und Ether gelten für den CFTC als Waren, weil sie dezentral sind und keine Gewinnversprechen enthalten. Die SEC sagt: Manche Token, besonders die aus frühen ICOs, sind Wertpapiere. Und da ist der Haken: Viele Kryptowährungen liegen in der Grauzone. Keine Behörde will zugeben, dass sie nicht die Hoheit hat.
Wie regeln die Behörden anders?
Der CFTC ist ein Marktregulator. Er kümmert sich um Betrug und Manipulation auf Märkten - besonders bei Futures und Optionen. Er hat Bitcoin-Futures 2017 zugelassen und Ether-Futures 2023. Sein Ansatz ist pragmatisch: Wenn es gehandelt wird, dann ist es sein Spiel. Er will Innovation nicht blockieren, sondern fair gestalten.
Die SEC ist ein Investorenschützer. Sie will verhindern, dass Menschen mit falschen Versprechen betrogen werden. Deshalb hat sie seit 2020 mehr als 40 Klagen gegen Krypto-Unternehmen eingereicht - darunter Coinbase, Binance und Kraken. Ihr Argument: Diese Plattformen handeln mit Wertpapieren, ohne registriert zu sein. Sie sieht Krypto nicht als Technologie, sondern als Finanzprodukt.
Das führt zu seltsamen Situationen. Ein Token wie USDC wird vom CFTC als Ware behandelt, weil er an den US-Dollar gebunden ist. Doch die SEC sagt: Wenn er als Investition verkauft wird, ist er ein Wertpapier. Das gleiche Produkt - zwei Regulatoren, zwei Regeln.
Was passiert, wenn Unternehmen nicht wissen, wer sie kontrolliert?
Ein Krypto-Unternehmen in Austin, das eine neue App startet, muss sich fragen: Soll ich mich bei der SEC oder beim CFTC anmelden? Oder bei beiden? Die Antwort: Bei beiden. Weil niemand sicher sagen kann, welcher Regulator welchen Token als was einstuft.
Das kostet Geld. Eine Studie von Deloitte aus 2024 zeigt: US-Unternehmen geben durchschnittlich 2,7 Millionen Dollar pro Jahr für Compliance aus. Fast die Hälfte davon - 44 % - fließt direkt in die Überprüfung, ob ein Token nun eine Ware oder ein Wertpapier ist. Eine einzige rechtliche Analyse kostet bis zu 185.000 Dollar und dauert drei bis sechs Monate.
Größere Börsen wie Gemini und Kraken haben einen Workaround entwickelt: Sie behandeln alle Token als Wertpapiere - nur um sicherzugehen. Das erhöht ihre Betriebskosten um 35 %. Andere Unternehmen stellen Produkte einfach ein. Laut Blockchain Association haben 81 % der US-Krypto-Firmen Launches verschoben - mit einem Verlust von 4,2 Milliarden Dollar an potenziellen Investitionen.
Die Gerichte - zwischen Regulierung und Chaos
2023 verklagte die SEC Coinbase wegen des Betriebs einer unregistrierten Börse. Sie behauptete: 10 Token auf der Plattform seien Wertpapiere. Das Gericht in New York gab der SEC zunächst recht. Doch dann geschah etwas Unerwartetes: Am 27. Februar 2025 reichte die SEC gemeinsam mit Coinbase einen Antrag ein - die Klage wurde ganz eingestellt. Keine Erklärung. Kein Urteil. Nur: „Wir ziehen zurück.“
Dieses Ereignis war kein Zufall. Es war ein Signal. Die neue Führung der SEC hat sich verändert. Sie will nicht mehr mit jedem Unternehmen kämpfen. Sie will eine klare Regel. Und das zeigt sich auch bei anderen Entscheidungen: Der CFTC genehmigte im April 2025 Spot-Ethereum-ETFs - ein großer Schritt. Die SEC dagegen verzögerte alle Bitcoin-ETF-Anträge bis August 2025. Wer hat jetzt die Macht? Niemand weiß es.
Was ändert sich? Die neuen Gesetzesvorschläge
Im April 2024 verabschiedete das Repräsentantenhaus das CLARITY Act - mit breiter bipartiter Unterstützung. Es würde genau festlegen: Wenn ein Token dezentral, mature und ohne Eigentumsrechte ist, dann ist es eine Digitalware - und fällt unter die CFTC. Alles andere? SEC.
Das ist ein Durchbruch. Endlich eine klare Trennung. Doch der Senat zögert. Der Senatsausschuss für Bankwesen hat einen anderen Entwurf vorgelegt, der einen komplizierten Prüfprozess vorschreibt. Und der Agrarausschuss - der für den CFTC zuständig ist - arbeitet an einem dritten Vorschlag. Es gibt drei Gesetzesentwürfe. Keiner ist verbindlich. Und die Zeit läuft.
Währenddessen versuchen Staaten wie Oregon, die Lücke zu füllen. Im April 2025 verklagte der Generalstaatsanwalt von Oregon Coinbase - mit Argumenten, die der SEC ähnlich sind. Das ist ein neues Risiko: Jetzt müssen Unternehmen nicht nur mit zwei Bundesbehörden, sondern auch mit 50 verschiedenen Landesgesetzen umgehen.
Was bedeutet das für den Markt?
Die USA haben 2020 noch 32 % des globalen Krypto-Marktes kontrolliert. 2024 waren es nur noch 14 %. Warum? Weil Unternehmen nach Europa, Singapur oder Dubai ziehen - Orte mit klaren Regeln. Die EU hat mit MiCA im Juni 2024 eine einheitliche Regelung eingeführt. Kein Streit. Kein Rätsel. Einfach: „Wenn du das hier machst, musst du das dort tun.“
Die USA hingegen haben ein System, das Unternehmen dazu zwingt, entweder zu viel zu tun - oder zu riskieren. Ein Bericht von Morgan Stanley sagt: Wenn die USA bis Ende 2026 keine klare Regelung haben, verlieren sie weitere 10-15 % ihres Marktanteils. Das sind Milliarden an Steuereinnahmen, Arbeitsplätzen und Innovationen.
Was ist die Lösung?
Es gibt keine perfekte Antwort. Aber es gibt eine realistische. Die meisten Experten glauben: Die CFTC bekommt die Kontrolle über Bitcoin, Ether und andere etablierte Währungen. Die SEC behält die Macht über neue Token, die wie Aktien verkauft werden - also ICOs, Staking-Plattformen, Yield-Produkte.
Das ist kein Kompromiss. Das ist Logik. Bitcoin ist keine Aktie. Es ist eine Währung. Ether ist ein Protokoll. Es ist keine Aktie. Aber ein Token, der verspricht, 10 % Rendite zu bringen? Das ist eine Investition. Und die sollte die SEC kontrollieren.
Die Frage ist nicht, wer recht hat. Die Frage ist: Wann wird endlich klargestellt, wer was regiert? Denn solange das nicht passiert, zahlen Unternehmen, Investoren und die gesamte US-Wirtschaft den Preis - in Geld, Zeit und Chancen.