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Energieknappheit und Crypto-Mining in Island: Warum das Wachstum zum Stillstand kommt

Energieknappheit und Crypto-Mining in Island: Warum das Wachstum zum Stillstand kommt
Alison Appiah 0 Kommentare 31 Januar 2026

Island war das Paradies für Crypto-Miner - doch jetzt reicht das Stromnetz nicht mehr

Island hat einst als Traumziel für Kryptowährungs-Miner gegolten: kühle Luft, fast keine Stromkosten, und 100 % erneuerbare Energie aus Geothermie und Wasserkraft. Doch seit 2024 ist klar: Energieknappheit hat das Ende des Wachstums eingeläutet. Die Insel, die nur 370.000 Einwohner hat, verbraucht jetzt 8 % ihres gesamten Stroms für Crypto-Mining - das ist mehr als die gesamte Stromversorgung von 200.000 Haushalten. Und es gibt keinen Platz mehr für mehr Rechner.

Warum Island überhaupt als Mining-Hotspot galt

Seit 2013 zogen Mining-Unternehmen nach Island, weil sie hier Strom für weniger als 0,03 Euro pro kWh bekamen. Die Energie kam aus Vulkangebieten und Gletscherflüssen - kein Kohle, kein Gas, keine CO2-Emissionen. Die kalte Luft ersetzte teure Klimaanlagen. Und das politische System war stabil: keine Steuererhöhungen, keine plötzlichen Verbote wie in China oder Kasachstan. Unternehmen wie Genesis Mining, Advania und Verne Global bauten riesige Rechenzentren in der Nähe von Geothermie-Kraftwerken in Reykjanes und Keflavík.

Die Hardware, die hier lief - Antminer S19 XP, Whatsminer M50S - brauchte kontinuierlich 5.000 bis 7.000 Watt pro Gerät. Ein mittelgroßes Mining-Feld mit 5.000 Maschinen verbrauchte 30 bis 40 Megawatt. Das klingt nach viel, aber Island hatte damals noch Luft. Heute? Kein einziger neuer Miner kann mehr an das Netz angeschlossen werden. Die Kapazität ist voll.

Die Zahlen, die niemand mehr ignoriert

Im Jahr 2023 verbrauchte das Crypto-Mining in Island 1.200 Gigawattstunden Strom. Das ist so viel wie der gesamte jährliche Verbrauch von 250.000 Haushalten. Die Nation hat eine installierte Leistung von etwa 1.800 Megawatt - und 120 Megawatt davon laufen jetzt für Bitcoin-Miner. Das sind 7 % der Gesamtproduktion. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs: Island produziert nur 10 % mehr Strom als es selbst braucht. Alles, was darüber hinausgeht, ist für Industrie und Export reserviert.

Die Regierung hat berechnet: Jedes zusätzliche Megawatt, das an Miner geht, kostet die Wirtschaft 1,2 Millionen Euro an verpassten Chancen. Warum? Weil die gleiche Energie auch für Aluminiumproduktion, grünen Wasserstoff oder künstliche Intelligenz-Datacenter genutzt werden könnte - und das bringt mehr Jobs, mehr Exporte und mehr stabile Einkommen.

Der große Umkehrpunkt: Die Regierung sagt Nein

Im März 2024 kündigte Ministerpräsidentin Katrín Jakobsdóttir an: „Wir können nicht weiterhin unsere erneuerbare Energie für eine Branche opfern, die nur kurzfristige Gewinne bringt.“ Das war der offizielle Ausstieg aus der Förderpolitik. Vorher war Island ein Musterland für Krypto. Jetzt ist es ein Musterfall für Energiepriorisierung.

Die National Energy Authority hat seit 2024 alle neuen Anträge für Mining-Infrastruktur eingefroren. Wer schon einen Vertrag hat - etwa von 2016 - darf weitermachen. Wer neu kommt, muss jahrelang warten. Die Warteliste für Stromanschlüsse ist jetzt über 100 Megawatt lang - und das ist mehr als das gesamte aktuelle Mining-Volumen. Kein Investor kann mehr Geld in Island investieren, wenn er nicht mal einen Steckdosenanschluss bekommt.

Queen halting miners in an ice hall, while holograms of green industries glow behind her.

Wer verliert - und wer gewinnt - bei der Energieverteilung

Die echte Frage ist nicht: „Ist Mining schlecht?“ Sondern: „Wofür soll der Strom verwendet werden?“

Die Aluminiumindustrie - die größte Industrie Islands seit den 1970ern - verbraucht 40 % des Stroms. Sie schafft 2.000 direkte Arbeitsplätze, exportiert jährlich 1,2 Milliarden Euro und zahlt Steuern. Das Mining schafft 150 Jobs - meist technische Wartung - und bringt kaum lokale Wertschöpfung. Die Gewinne fließen nach Singapur, in die USA oder nach Dubai.

Neue Projekte wie grüner Wasserstoff für Europa oder Datacenter für KI-Modelle haben jetzt Vorrang. Ein einzelnes KI-Datacenter von NVIDIA oder Microsoft könnte 200 Megawatt verbrauchen - und das wäre ein echter Wirtschaftsboost. Mining kann das nicht leisten. Die Regierung hat deshalb beschlossen: Jede neue Kraftwerkskapazität - falls sie jemals gebaut wird - wird erstmal für KI, Wasserstoff und digitale Infrastruktur reserviert. Nicht für Bitcoin.

Was passiert mit den bestehenden Minern?

Die, die schon da sind, sind sicher - aber nicht glücklich. Sie zahlen jetzt höhere Strompreise. Früher bekamen sie 0,025 Euro pro kWh. Heute sind es 0,035 Euro - und es wird weiter steigen. Einige haben begonnen, ihre Rechner abzuschalten, wenn die Preise zu hoch werden. Andere verkaufen ihre Anlagen an Firmen aus Russland oder Kasachstan, wo Strom billiger ist - und es noch Netzkapazität gibt.

Auf Reddit und Mining-Foren klagen viele: „Wir haben 5 Jahre lang in Island investiert - und jetzt ist alles vorbei.“ Ein Miner aus Reykjavík schrieb: „Ich habe 2,5 Millionen Euro in Maschinen gesteckt. Jetzt kann ich nicht mal eine zusätzliche 100 kW hinzufügen. Ich sitze auf einem Goldschatz - aber ich kann ihn nicht ausgraben.“

Die Zukunft: Kein Wachstum - nur Stabilität

Experten sind sich einig: Island wird nie wieder ein großer Mining-Standort sein. Die Kapazität ist ausgeschöpft. Neue Kraftwerke? Die Bauzeit für ein Geothermie-Kraftwerk beträgt 7-10 Jahre. Die ersten neuen Anlagen werden nicht vor 2030 ans Netz gehen. Und bis dahin wird die Regierung kein einziges Megawatt an Miner vergeben.

Stattdessen fördert Island jetzt Blockchain-Anwendungen, die nicht viel Strom brauchen: digitale Identitäten, transparente Lieferketten, staatliche Zertifikate. Die Zentralbank arbeitet an einer digitalen Krone (CBDC) - und das braucht kaum Energie. Das ist der neue Plan: Blockchain ja - Mining nein.

Lone miner with broken rig, overlooking new renewable energy plants and glowing blockchain flowers.

Was bedeutet das für Miner weltweit?

Island war ein Vorbild - jetzt ist es eine Warnung. Es zeigt: Selbst mit 100 % erneuerbarer Energie ist das Mining nicht nachhaltig, wenn die Infrastruktur nicht mitwächst. Andere Länder wie Norwegen, Kanada oder Finnland haben ähnliche Probleme - aber sie haben noch Platz. Island hat nicht mehr.

Wenn du als Miner in Island bist: Halte deine Anlagen am Laufen. Aber plane nicht auf Wachstum. Wenn du neu einsteigen willst: Suche anderswo. Texas, Kanada, Georgia - dort gibt es noch Netzkapazität. Und wenn du in Island bleibst: Akzeptiere, dass du nicht mehr wirst wachsen können. Die Ära des unbegrenzten Wachstums ist vorbei.

Warum ist Island nicht einfach ein neues Kraftwerk gebaut?

Es ist nicht nur eine Frage von Geld - es ist eine Frage von Geografie und Umwelt. Island ist eine Insel. Die besten Geothermie-Quellen sind bereits genutzt. Neue Bohrungen sind teuer, riskant und stören Ökosysteme. Wasserkraftwerke brauchen Flüsse - und die sind schon fast alle mit Dämmen ausgestattet. Mehr Dämme? Das würde Fischbestände zerstören. Und die Bevölkerung wehrt sich dagegen.

Die Regierung hat 2024 eine Umfrage gemacht: 68 % der Isländer sagen, sie wollen keinen neuen Strom für Mining. Sie wollen ihn für ihre Heizung, für neue Schulen, für sauberen Wasserstoff für Schiffe. Die Bürger haben gesprochen. Und die Politik hört zu.

Die große Lektion

Island hat gezeigt, dass erneuerbare Energie nicht automatisch nachhaltig ist - wenn sie falsch verteilt wird. Ein Land mit viel Wind und Wasser kann trotzdem an seine Grenzen stoßen. Die echte Frage ist nicht, wie viel Strom du hast - sondern: Wofür verwendest du ihn?

Crypto-Mining hat Island einen wirtschaftlichen Schub gegeben - aber nicht einen dauerhaften. Jetzt muss das Land entscheiden, was wirklich zählt: kurzfristige Gewinne - oder langfristige Zukunft.

Warum kann Island nicht einfach mehr Strom produzieren?

Island nutzt bereits fast alle verfügbaren geothermischen und hydroelektrischen Ressourcen. Neue Kraftwerke brauchen 7-10 Jahre Bauzeit, sind teuer und stoßen auf Umwelt- und Bevölkerungsproteste. Die besten Standorte sind bereits belegt, und neue Dämme oder Bohrungen würden Ökosysteme schädigen. Die Regierung priorisiert deshalb andere Projekte wie grünen Wasserstoff oder KI-Datacenter.

Wie viel Strom verbraucht das Crypto-Mining in Island wirklich?

Im Jahr 2023 verbrauchte das Crypto-Mining etwa 1.200 Gigawattstunden Strom - das entspricht 8 % des gesamten islandischen Stromverbrauchs und etwa 120 Megawatt kontinuierlicher Leistung. Das ist mehr als der Verbrauch von 200.000 Haushalten.

Ist das Mining in Island noch profitabel?

Ja - aber nur für bestehende Betreiber. Sie profitieren von langfristigen Stromverträgen und niedrigen Kosten. Neue Miner können nicht mehr ans Netz - und selbst bestehende Anlagen müssen mit steigenden Preisen und sinkenden Bitcoin-Preisen leben. Die Profitabilität ist jetzt fragil, das Wachstum unmöglich.

Warum bevorzugt die Regierung Aluminium über Mining?

Die Aluminiumindustrie schafft 2.000 stabile Arbeitsplätze, zahlt Steuern, exportiert Produkte und hat langfristige Verträge. Mining schafft nur 150 Jobs, bringt kaum lokale Wertschöpfung und ist von Kurs-Schwankungen abhängig. Pro Kilowattstunde bringt Aluminium mehr Wirtschaftswert und soziale Stabilität als Mining.

Was passiert mit den Mining-Firmen, die schon in Island sind?

Sie dürfen weitermachen - aber sie dürfen nicht wachsen. Sie zahlen jetzt höhere Strompreise, bekommen keine neuen Anschlüsse und können ihre Anlagen nicht erweitern. Einige verkaufen ihre Ausrüstung, andere schalten Maschinen ab, wenn die Preise steigen. Sie sind in einer Art „eingefrorenem Zustand“ - profitabel, aber stagnierend.

Gibt es noch Chancen für neue Miner in Island?

Nein - nicht für Mining. Die Regierung hat alle neuen Anträge eingefroren. Wer jetzt einsteigen will, muss auf andere Länder wie Texas, Kanada oder Georgien ausweichen. Island fördert jetzt Blockchain-Anwendungen wie digitale Identitäten oder CBDCs - nicht energieintensive Mining-Farmen.